Was denkt man 100km lang?

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Oft werde ich nicht nur gefragt wie man überhaupt 100km am Stück laufen kann, sondern vor allem „Was macht man 100km lang?“ „19 Stunden unterwegs? Das wird doch sicher langweilig!“ „Und über was denkst du da nach?“

Mal ehrlich. So wirklich habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. In der Vorbereitung auf den Zugspitz Ultratrail habe ich mir aber nun wirklich einmal Gedanken darüber gemacht und mir vorgenommen direkt nach dem Lauf zu analysieren was sich wirklich in meinem Kopf angespielt hat.

Im Vorfeld hatte ich mir einige Gedanken gemacht, wie ich den Wettkampf angehen will. Dies sollte meinen Kopf davon abhalten immer zu rechnen wie weit es denn noch ist. Nichts ist schlimmer als eine Kilometerzahl im Kopf zu haben und die komplette Zeit auf sich einzureden „Noch 80 Kilometer, Noch 75 Kilometer, usw.“
Auch das Pipsen der Uhr nach jedem Kilometer versuche ich zu ignorieren und habe extra keine Distanzanzeige prominent platziert in meinem Suunto Interface. Auch die Tatsache, dass Plan B nur jede 5 Kilometer ein Schild mit der noch zu absolvierenden Distanz platziert hilft dem Kopf sehr dabei nicht nur an die Strecke zu denken.

Meine größte Sorge und Angst vor mir selbst am Vortag des Start war es aber, dass der Kopf im Moment der Alternativroute sagt „Nö wir laufen ja nicht Original dann habe ich jetzt auch keine Lust mehr“. Ich hatte mir ein spezielles Ziel vorgenommen und dieses wäre dann nicht mehr erreichbar gewesen. Am Start wurde uns die Originalroute versprochen, also konnte ich ohne negativen Einfluss starten. Unterwegs bekam ich dann die Info, dass nicht Original gelaufen wird. Die Ängste die ich hatte stellten sich aber zum Glück nicht ein. Dafür habe ich vor allem zwei Erklärungen. Zum einen das mentale Training in der Vorbereitung mich genau auf das fixieren zu können was ich im Moment mache und zu lernen immer nur von Schritt zu Schritt zu denken. In diesem Fall von VP zu VP. Zum anderen die Tatsache, dass ich durch das viele und gute Training während des gesamten Laufs nie an eine physische und damit auch psychische Schwelle gelangte, in welcher der Kopf stärker als der Körper sein muss.

Im vergangenen Jahr verbrachte ich viel Zeit mit Gesprächen mit Mitläufern. Dieses Jahr war ich allerdings schneller unterwegs und da vorne reden die Leute nicht viel und gerne. Also lief ich dieses Mal, anders als sonst, viel mit Musik. Das lenkt ab, lässt einen die Minuten vergessen und übertönt auch das Piepsen der Kilometer auf der Uhr.

Manchmal kommt man da auf verrückte Ideen. Mit irgendwas muss man den Kopf ja beschäftigen. Dann dichte ich irgendwelche Lieder um.
Oftmals animiert die Musik aber auch dazu einfach komplett den Geist fliegen zu lassen. Eine nette Melodie auf den Ohren, ein grandioser Ausblick und ein rassiger Downhill und der Geist hebt ab und man fliegt, wenn man nicht vorsichtig ist auch physisch, den Berg hinab.

Für kurze Strecken sieht das leider ganz anders aus. Ein 10km Wettkampf auf der Straße ist 10 km Qual für den Kopf. Den Puls und das Tempo am Anschlag denkt der Kopf da nicht mehr wie „Wie weit noch??“ „Ich gehe gleich ein“ „Ich kann nicht mehr“ „HILFEE!“

Bei Trainingsläufen allerdings ist das anders. Hier denke ich über alles und nichts nach. Wenn etwas größeres zur Planung ansteht mache ich mich oftmals auf zu einem langsamen Dauerlauf und plane unterwegs meine nächsten Schritte und Erledigungen. Gehe im Kopf Packlisten durch, überlege mir neue Artikel und Ideen für die Seite hier und versuche das alles im Kopf zu behalten bis zum Ende des Laufes.

Und der Rest der Läufe? Manchmal könnte ich selbst nicht sagen nach einem Lauf über was ich eigentlich die letzten 1-2 Stunden nachgedacht habe. Ich genieße es einfach komplett den Kopf ausschalten zu können und einfach mal über gar nichts nachdenken zu müssen. Ich erfreue mich dann an der zurückgelegten Strecke, an der Landschaft oder einfach daran so frei Laufen zu können.

Wie ergeht es euch dabei? Über was denkt ihr so nach unterwegs?

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