Come away with me…

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Ich laufe am Rande des Feldbergsees, die Uhr zeit knapp 54 Kilometer und 5:30 Stunden reine Laufzeit an. Es waren aufregende und tolle 5 Stunden bis hier her. Zusammen mit vielen Laufkollegen des Lauftreffs Pfohren und Gäste haben wir die Strecke von Pfohren bis hier her laufend zurückgelegt. Die letzte Etappe liegt nun noch vor uns. Der Feldberg über den Karl-Egon-Weg. Zwischendurch erwarteten uns alle möglichen Wetterbedingungen. Sonnenschein, Wind und Regen. Gerade hatten wir die Regenjacken wieder ausgezogen als der Feldbergsee vor uns auftauchte. Alle beschlossen jedoch linker Hand vorbei zu laufen und keine extra Runde mehr um ihn herum zu laufen. Ich jedoch bog nach rechts ab und entschloss diesen zusätzlichen Kilometer mitzunehmen. Und ich bereue es im Nachhinein keinesfalls. Es war mit der schönste des gesamten Laufes.

Plötzlich ist man allein. Allein in der Natur. Die Stille des Sees, der Nebel über dem schneebedeckten Gipfel. Das Wasser liegt völlig ruhig vor mir und plätschert nur leise gegen das Ufer, an welchem ein wunderschöner Trail entlangführt. Ich bleibe kurz stehen, genieße den Moment und laufe dann wieder los. Weg von all den Gesprächen der letzten 5 Stunden, weg von all dem Stress des Alltags. Die Schritte gehen auf einmal wie von allein. Die Gedanken fliegen und völlig unerwartet befinde ich mich in einem riesen Flow oder auch Runners High genannt. Ich breite die arme aus und genieße in der frischen Luft um den See zu treiben. Im Kopf einen Song, welcher mich seit einiger Zeit täglich im Auto begleitet.

„Take me back to square one
Right back where it begun
Push me over the edge
Start me again and again
Come away with me, 
While the world’s asleep
Walk from sea to shining sea
Find ourselves a place to be“

Da ist dieser Moment den Läufer so lieben. 56 Kilometer in den Beinen? Total durchnässt? Die Probleme des Alltags? Alles vergessen in diesem Moment. Frei wie der Wind. Keine Gedanken an das was vor oder hinter einem liegt. Einfach so weiter.

Viele Leute streiten sich ob es diesen Flow oder Runners High wirklich gibt. Viele behaupten diesen noch nie erlebt zu haben, andere bei nahezu jedem Rennen. Michele Ufer stellt dazu sogar ein eigenes Forschungsprojekt auf die Beine und schickt Läufer zu Ultramarathon Events auf der ganzen Welt um etwas Licht ins Dunkel dieses Themas zu bringen.

Mir ist es in diesem Moment alles egal. Für mich ist das der Flow. Der Beweis, dass es diesen Moment gibt, in dem das Gehirn jede Art von Gedanken abschalten kann und die Endorphine übernehmen die gesamte Kontrolle über den Körper. Aus diesen Momenten ziehe ich meine gesamte Kraft für all das Training und die vielen Kilometer in unzähligen Wettkämpfen, oftmals oberhalb der maximalen Leistungsgrenze. Mit dem Gedanken an diesen Moment vergesse ich die gesamte Anstrengung des Moments. Dafür bin ich Läufer. Wissenschaftlich erklären lässt sich das ganze nur schwer. Es gibt zwar Versuche diesen Flow Moment durch gewisse Parameter fast planbar zu machen, aber daran glaube ich nicht. Wenn es passiert dann passiert es einfach. Planbar ist das nicht.

Leider ist dieser Moment bereits knapp 1 Kilometer wieder vorbei und ich befinde mich wieder zurück im Alltag und schiebe mich langsam den Karl-Egon Weg zusammen mit den anderen Läufern hinauf. An diesen Moment werde ich allerdings noch eine lange Zeit denken und mir viel Kraft daraus ziehen für kommende Aufgaben.

Gestern dann das komplette Gegenteil. 12,8 Kilometer beim 2. Lauf des Denzer Cup. Hier ist kein Platz für den Flow. Fast 49 Minuten lang hämmert eine Stimme im Kopf „Es geht nicht mehr, Es geht nicht mehr, Ich sterb gleich, ich sterb gleich“. Stress pur. Erholung für den Geist gleich null. Nur solche kurzen Läufe am Limit absolvieren? Unvorstellbar für mich!

Am kommenden Wochenende findet der Wings for Life Run in München statt, dank Gerolsteiner darf ich im Team Lisa Hahner an den Start gehen. Ziel ist es hierbei so viele Kilometer wie möglich zu schaffen, bevor man vom so genannten Catcher Car überholt wird. Das Startgeld fließt dabei zu 100% in die Wings for life Stiftung. Mein Ziel lautet mehr als die Marathondistanz zu schaffen (3:08 Stunden). Und wenn auf dem Asphalt die Füße doch einmal schwer werden, versuche ich einfach an diesen Moment am Feldberg zu denken. Ich blende alles um mich herum aus und plötzlich laufen meine Gedanken immer und immer wieder diese Runde. Wie man sieht heißt Training im Ultra Bereich nicht nur trainieren des Körpers. Auch das mentale Training für den Kopf spielt eine sehr große Rolle. Wenn der Körper keine Lust mehr hat oder glaubt keine Kraft mehr zu haben muss der Kopf stärker sein um einen noch weiter zu bringen.

Ich freue mich jedenfalls schon auf den nächsten Flow Moment, wann auch immer und wo auch immer dieser sein wird!

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