Zugspitz Ultratrail 2015 – Die Schlammschlacht der Alternativen Teil 2

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–> Teil 1

Schon morgens beim Aufstehen prasselt der Regen unaufhörlich an die Scheibe der Balkontüre. Ich ahne bereits, dass dies ein sehr harter, nasser und anstrengender Tag wird. Beim Frühstück studiere ich nochmals die beiden Alternativrouten. Als Kleidung wähle ich die kurze Twinskin von Salomon und packe die 3/4 Hose in den Rucksack. In Verbindung mit den Compressport Calves erfüllt das die geforderte „Komplettbekleidung“. Bereits am Vorabend hatte ich getestet ob ich die Hose, ohne großen Aufwand, über die kurze Hose und vor allem über die Schuhe ziehen kann. Die erste Regenjacke hatte ich bereits an, die zweite wartete dann im Dropbag bei VP5 auf mich.

So machte ich mich dann auf zum Start. Nach einer kurzen Kontrolle der Ausrüstung wartete ich gespannt auf die Bekanntgabe der Strecke durch den Veranstalter. Ich traf noch viele Laufkollegen und jeder erläuterte seine Rennplanung und spekulierte über die Zustände der Strecke. Von meinem Laufverein dem Lauftreff Pfohren waren noch drei andere Vereinsmitglieder am Start. Am Ende sollten wir es alle ins Ziel schaffen.

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Lauftreff Pfohren

Kurz vor 7 Uhr war es dann soweit. „Wir laufen die Orginalroute, aber die Bekleidungsvorschriften bleiben bestehen. Eventuell kürzen wir von VP9 an“. So lautete die Aussage der Rennleitung. Ein klatschen ging durch die Schar der Ultraläufer, wohl wissend aber wie hart dieses Rennen heute werden würde. Als um 7.15 Uhr der offizielle Startschuss fiel, lag eine knisternde Spannung in der Luft. Alle waren heiß darauf endlich auf die Strecke zu gehen, auf welche sie sich seit Monaten vorbereitet hatten. Hinter der örtlichen Trachtenkapelle verließ die Läuferschar im Gänsemarsch den Musikpavillion.

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Neutralisierter Start

Ab der Ortstraße war das Rennen dann freigegeben. In der Tasche hatte ich meinen 16.30 Stunden Rennplan. Im Falle einer Alternativroute wäre dieser allerdings hinfällig gewesen. Ich wollte diesen aber so lange wie möglich verfolgen um selbst im Falle einer Verkürzung schon für das kommende Jahr einen Vergleichswert zu haben. Der erste Streckenabschnitt bis zur VP1 führt die Läufer durch Grainau und dann entlang des Hammersbach hinauf zum Einstieg zur Höllentalklamm. Anschließend auf breiten Forstwegen hinab zur ersten Verpflegungsstation am Eibsee. Mein Ziel war diesen Abschnitt nach 1:04 Stunden hinter mich zu bringen und im dann folgenden Aufstieg wenig Verkehr zu haben. Dies gelang mir recht gut und ich konnte vor allem auf der abwärtsführenden Forststraße sehr gut Tempo machen. Nach 5 Kilometer überholte ich Denis vom Trailmagazin. Dieser berichtete mir, dass es nun doch die Alternativroute zu laufen gibt, da es oben doch deutlich mehr geschneit hatte als angenommen. Mein Plan war damit obsolet. Egal, einfach weiter sagte ich mir.

Am Eibsee kam ich nach 1:03:50 an. Ich lief direkt durch und ließ die Verpflegungsstation rechts liegen. Von meinen 1,5 Litern hatte ich nur knapp 200ml verbraucht und der Rest sollte locker reichen bis zur nächsten Verpflegung. Das Wetter hatte sich zu diesem Zeitpunkt schön eingeregnet und praktisch waren sämtliche Kleidungsstücke zum jetzigen Zeitpunkt schon durchnässt.

Nun folgte der erste richtig harte Aufstieg des Tages auf und neben einer Skipiste in Richtung der deutsch-österreichischen Grenze. Im letzten Jahr hatte ich hier schon einen größeren Einbruch und war mit dem langen Aufstieg ziemlich überfordert. Dieses Jahr allerdings konnte ich gleichmäßig kräftig durchgehen und nur wenige Läufer überholten mich unterwegs. Der Weg glich allerdings einer riesigen Pfütze und so waren die Sense Pro nicht nur nass, sondern bereits hier ein kleines Feuchtbiotop. Auf einem wunderschönen Trail überquerten wir die Staatsgrenze, diesmal anders als noch vor 2 Wochen ohne Passkontrolle. Nun kam der unschöne Teil des 2. Abschnitts. Auf einer Skipiste musste sich das Läuferfeld erst nach oben und dann wieder hinab zu Gamsalm quälen. Da ich etwas hinter meiner anvisierten Zeit unterwegs war, versuchte ich im Downhill etwas Zeit gut zu machen, bereute dies aber sofort wieder. Den ersten Sturz des Tages konnte ich gerade noch so abfangen ohne mich auf den schroffen Steinen lang zu machen.

Am 2. Verpflegungspunkt angekommen befand ich mich 5 Minuten hinter meiner geplanten Zeit. Da ich aufgrund der nassen und kühlen Witterung aber wenig getrunken hatte, ging das nachtanken sehr schnell. Eine Flasche leergetrunken kurz wieder aufgefüllt, eine Melonenscheibe und eine Hand voll Nüsse und weiter ging es.

Der nächste Abschnitt über Ehrwald und den Koppensteig zur Ehrwalder Alm Bergstation war eine reine Schlammschlacht. Durch ettliche Supertrail XL Läufer war die Strecke bereits aufgeweicht und kaum noch Stellen mit halt vorhanden. Nur dank den Stöcken war es hier machbar noch vernünftig voran zu kommen. Die Sense Pro fanden nirgends mehr halt und so suchte sich jeder rutschend noch irgendwie eine Möglichkeit zum Aufstieg. Endlich oben angekommen konnte man sich auf einem Forstweg bis zur Ehrwalder Station wieder etwas erholen. Von hier an ging es dann hinauf zur 3. Verpflegung an der Pestkapelle. Meine Beine fühlten sich hier noch extrem frisch an, dachte ich doch zurück an das vergangene Jahr, als ich hier bereits stark zu kämpfen hatte. In schnellem Gehschritt konnte ich an einem Läufer nach dem anderen vorbeiziehen. Als ich dann von Weitem Melanie erblickte beflügelte mich das nochmals. Sie hatte sich zusammen mit Jana und Anni, Marcels Begleitung trotz dem Mistwetters auf den Weg zur Pestkapelle gemacht. Vielen Dank euch dafür!

Support an der Pestkapelle

Support an der Pestkapelle

Angekommen war ich hier nach 3:36 Stunden. Geplant waren 3:42 Stunden. Ich hatte also vor allem auf dem letzten Stück einiges an Zeit gut machen können und lag eigentlich voll im Plan. Nun folgte aber die Alternative. Zuerst hieß es die 3/4 Hose über die Schuhe und die kurze Salomon zu ziehen und nach kurzer Verpflegung verabschiedete ich mich von meinen Supportern und machte mich an den heute nur kurzen Aufstieg. Nach ein paar Serpentinen befand ich mich plötzlich im Schneeregen und man konnte weiter oben die gezuckerte Landschaft erkennen. Dann bog der Weg aber schon wieder auf einer breiten Forststraße nach unten. Wir befanden uns jetzt auf der kurzfristig organisierten Alternativroute. Von kurz unterhalb der Hochfeldern Alm führte uns diese auf dem Nordalpenweg immer leicht bergab durch ein Tal zur Hämmersmoos Alm, dem VP4. 10 Kilometer langweiliger und öder Schotter. Ich packte meinen Ipod aus und versuchte mich mit etwas Musik abzulenken. Das klappte ganz gut und ich konnte ordentlich Tempo vorlegen. Zusammen mit dem kurzen Aufsteig hatte ich die Alm 1:02 Stunden später erreicht. Dies natürlich weil die schwersten Kilometer über das Feldernjöchl und die Rotmoosalm wegfielen. Durch die lange Hose war es doch extrem warm geworden auf der Tempostrecke und ich hätte mit gewünscht, dass man diese erst ab der Hämmersmoos Alm hätte anziehen müssen.

Auch an der VP 4 das gleiche Bild. Kurz Flasche auffüllen, hier sogar mit leckerem heißen Tee. Eine Hand voll Nüsse und ein schnelles Gel und weiter ging es. Unterwegs war ich inzwischen dazu über gegangen immer mal wieder ein paar der PowerBar Gel Shots zu futtern. Wirklich lecker und eine gute Alternative zu klebrigen Gels.

So machte ich mich an den Aufstieg zum Scharnitzjoch. Der Übergang liegt auf über 2000m und sollte uns eine Vorstellung davon geben, weshalb die ersten 2 Gipfel des Tages ausgelassen wurden. Zuerst ging es moderat durch den Wald auf wunderschönen Trails bergauf, bevor man nach der Wangalm auf einen total vermatschten Weg traf. Hier war wieder mehr rutschen als Laufen angesagt und ich musste mich doch sehr konzentrieren mich nicht direkt in den ersten Schlamm zu legen. Umso näher wir dem Gipfel kamen umso weißer wurde die Landschaft um uns herum. Es hatte bis auf ca. 1700m runter geschneit. In Verbindung mit der total durchnässten Kleidung und dem kalten Wind, eine sehr unbehagliche aber auch gleichzeitig faszinierende Mischung.

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Auf dem Gipfel angekommen zog sich dieses Matschband auch wieder bergab. Es sollte eine sehr rutschige Angelegenheit werden, auf welcher ich mich insgesamt 4 mal auf den Hintern setzte und ein Stück weit den Hang hinab schlitterte. Entsprechend verdreckt kam ich auch bei der Halfway Markierung an.

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Halfway done!

An der 5. Verpflegung am Hubertushof wartete auch endlich die trockene Jacke und die Aussicht die 3/4 Hose endlich los zu werden. So schnell wie möglich erledigte ich diesen Schritt, füllte alle Vorräte wieder auf und gab kurz Meldung an Melanie durch, wann ich ca. an VP 6 sein werde. Das nun folgende Stück war sehr eintönig auf einer Forststraße bis nach Mittenwald. Die einzige Abwechslung war das kurze Stück durch die Geisterklamm. Ich versuchte konstant knapp über 5min/km zu laufen und so einiges an Zeit gut zu machen. Kurz nach Schanz trifft man auf 2 Kilometer Asphalt. Hier standen überraschend Melanie und Jana, trauten sich aber bei diesem Mistwetter nicht aus dem Auto, leisteten aber kurzweiligen fahrenden Support.

Die Strecken zwischen Mittenwald und dem Ferchensee ist schnell und führt auf kleinen Trails bis an den Rand des Waldes. Plötzlich tritt man aus diesem und sieht vor sich den Ferchensee. Am anderen Ende wartet bereits der Finisher Club mit seinem Verpflegungspunkt auf die Läufer. Der Weg rund um den See gleicht einer Wasserstraße und ich wunder mich über Läufer, die auch hier noch um die Pfützen herum laufen anstatt einfach mittig durch. Die Schuhe sind doch eh schon mehrmals komplett durchnässt gewesen.

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Ein wunderschönes Panorama erwartet die tapferen Läufer hier, auch bei diesem Wetter. Die tiefen Wolken hüllen die Szenerie in ein mysteriöses Licht. Benötigt habe ich für den Abschnitt V5-V7 1:49 Stunden statt der geplanten 2:25 Stunden. Allerdings ist dieser Wert schwer vergleichbar, da ich durch den fehlenden Anstieg mehr Kraft in den Beinen habe. Gefühlt kam mir dieses flache Laufen durch das ganze Marathon Training aber sehr entgegen. Laufend überhole ich einen Läufer nach dem anderen und werfe beim Ausgang der VP mit dem Handy heimlich einen Blick auf den aktuellen Zwischenstand. Platz 55 gesamt. Ich staune nicht schlecht, will aber weiter gar nicht darüber nachdenken. Noch liegen knapp 25 Kilometer vor mir.

Irgendwie verursacht diese Meldung zusammen mit der Musik auf meinem Ohr aber einen kleinen Höhenflug und ich kann auf dem folgenden Stück immer mehr Tempo aufnehmen. Gefühlt fliege ich fast doppelt so schnell an dem ein oder anderen Ultratrailer, aber auch Supertrailer vorbei. Erst der Abstieg zur Partnach unterbricht mein gutes Tempo und ich muss aufpassen auf den rutschigen Wurzeln nicht zu stürzen. Im Aufstieg zur Partnach-Alm, gleichzeitig Verpflegungspunkt 8 habe ich wie letztes Jahr mein Tief. Mit einer Gelpackung und einem großen Schluck Iso komme ich aber aus diesem wieder gut raus und letztendlich gut an der Alm an. Hier packte ich letztes Jahr die Lampe aus und wanderte zusammen mit Christian in die Nacht. Davon heute keine Spur. Der letzte Abschnitt war wieder 10 Minuten schneller als geplant und durch die Verkürzung war es gerade mal 18 Uhr.

Nun folgte der letzte Anstieg des Tages. Uns war bereits bekannt, dass dieser aber nur halb so lang sein sollte wie normal und wir direkt von der Talstation am Längenfelder wieder ins Tal geschickt werden, ohne den Osterfelder zu besteigen. Ist der Weg zu beginn ein gut laufbarer Forstweg, mündet er 3 Kilometer unterhalb plötzlich in einen kleinen Trail. Dieser schlängelt sich dann in unzähligen Serpentinen den Hang hinauf. Wobei man heute von Trail nicht mehr sprechen konnte. Es war ein Fluss mit Wegmarkierungen. Von Oben hörte man ab und zu die Rufe der Zuschauer, doch es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis man endlich angekommen war. 200m weiter wartete auch schon die letzte Verpflegung des Tages auf uns. Sehr schön dieses Stück auch mal im Hellen zu sehen. Der Abschnitt war letztendlich auch wieder 8 Minuten schneller wie geplant.

Nun folgte der geilste Abschnitt des Rennens. Der Abstieg über den Jägersteig. Schon im Vorjahr konnte ich hier richtig reinhauen. So auch heute. Ich löste alle Bremsen und ließ die Beine laufen. Halb laufend, halb kontrolliert stürzend raste ich in Richtung Grainau. Ich war mir sicher das Rennen heute mit einem sensationellen Ergebnis zu beenden. Unter 13 Stunden sollte es reichen. Auch die schmierige und rutschige Passage vor dem Hammersbach meisterte ich dieses Mal ohne Sturz und so konnte ich die letzten 1500m auf den Straßen Grainaus richtig genießen. Unter dem Applaus der Passanten nährte ich mich dem Musikpavillon. Von weitem war schon der Sprecher zu hören und unter dem Applaus der Zuschauer sprang ich nach genau 12:49:07 Stunden als 51. Gesamt und 39. in der Men Altersklasse über die Ziellinie.

Im Ziel wartete bereits ein großes Begrüßungskomando auf mich. Nachdem ich mich trocken angezogen hatte galt es erst einmal etwas Festes zu essen. Über 12 Stunden nur mit Snacks unterwegs, war ich doch langsam am Ende meines Energievorrats angelangt. Die Beine fühlten sich allerdings noch fantastisch an, bereit für weitere Kilometer.

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Es war wiedermal ein tolles Event. Die Organisation hat von vorne bis hinten gestimmt. Die Verpflegungen waren perfekt ausgestattet und es fehlte wirklich an nichts. Auch die Streckenverkürzung war im gesamten betrachtet mehr als richtig. Am Ende kann man immer sagen „es wäre doch gegangen“, aber der Veranstalter muss dieses Risiko nun mal verantworten und tragen. So nass wie alle waren, wäre die Ausfall- und Rettungsquote doch enorm hoch gewesen, hätte man uns nochmals über 2000m mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt geschickt.

Mit meiner Leistung bin ich natürlich mehr als zufrieden, ich hätte nicht gedacht, dass ich so locker durch die Strecke komme und ohne große Beschwerden in Grainau einlaufen kann. Natürlich ist die Leistung nicht ganz mit letztem Jahr vergleichbar, aber so gibt es schon einen weiteren Grund nächstes Jahr wieder zu kommen. Und wer weiß, vielleicht hat der ein oder andere Zuschauer auch richtig Lust bekommen auf dieses Event und möchte sich auf einer der 5 Strecken

nächstes Jahr beweisen. Das Datum steht schon mal fest und eine kurzfristige Planung kann keine Ausrede sein.

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Am Ende noch vielen Dank an Plan B für die super Organisation und Betreuung vor Ort!!

Wir sehen uns bei den 4 Trails in 2 Wochen! Bis dahin heißt es regenerieren und dann dort wieder voll angreifen.

Mein Move

Alternatives Höhenprofil

Alternatives Höhenprofil

Offizielles Ergebnis 

9 Gedanken zu „Zugspitz Ultratrail 2015 – Die Schlammschlacht der Alternativen Teil 2“

  1. Pingback: Zugspitz Ultratrail 2015 – Die Schlammschlacht der Alternativen Teil 1 | trailfieber

  2. Hey Lars,

    schöner Bericht. Ich verfolge deine Beiträge regelmäßig.
    Lesen sich super, mach weiter so und man sieht sich sicherlich mal irgendwann, irgendwo, irgendwie -> aber mit Sicherheit beim Laufen!

    Grüße

  3. Hallo Lars,

    Toller Bericht … Macht Lust auf nächstes Jahr. Nächste Station … 4 Trails mit hoffentlich etwas besserem Wetter, nachdem ja heute schon die Strecke gekürzt wurde.

    Gruß Michael

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